Rainer Dellmuth erzählt über DDR und Stasi-Haft

von Holger Breukelman

„Demokratie ist das höchste Gut und schützenswert. Das vergessen wir bei unserem lockeren Lebensstil, bei unserem Konsumverhalten nur zu schnell“, bedauerte Rainer Dellmuth in seinem Vortrag vor den Neunt- und Zehntklässlern der Realschule und der Hauptschule.
Auf Einladung des Fachbereichs Geschichte der Realschule Emlichheim erzählte der 65jährige Berliner in drei Doppelstunden vom Leben in der DDR und er weiß, wovon er spricht. Schon als 18jähriger Lehrling war er in das Visier des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR geraten und verbrachte in der Folge mehrere Jahre in Stasi-Haft. „Versuchte Republikflucht und staatsgefährdende Hetze“ brachten Dellmuth 1967 für ein Jahr ins Gefängnis, 1971 landete er wegen „versuchten ungesetzlichen Grenzübertritts in besonders schwerem Fall“ erneut im Stasi-Gefängnis, bevor er im November 1972 von der Bundesrepublik Deutschland als politischer Häftling freigekauft wurde. Er wurde nach der Wende freier Mitarbeiter der „Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen“, dem früheren Stasi-Untersuchungsgefängnis.
In einem „Crashkurs zur DDR-Geschichte“ schilderte Rainer Dellmuth in für die Jugendlichen angemessener Sprache seine Erlebnisse mit anderen Gefangenen – kriminellen und politischen – und die zum Teil unmenschlichen Haftbedingungen. Entsetzen spiegelte sich in den Gesichtern der zuhörenden Schüler, als er über das Verhalten der Wärter berichtete, die im Minutentakt das Guckloch in der Zellentür öffneten, um die Inhaftierten zur Ordnung zu ermahnen, oder während der Verhöre und Folterungen Kreissägen anstellten, damit man die Schreie nicht hören konnte. Deutlich wurde bei den Schilderungen, dass das Ziel der Haft „die Zerstörung der Psyche des Menschen“ gewesen sei. „Die Stasi war schlimmer als die Gestapo“, so Rainer Dellmuths Fazit. „Eine Diktatur, mit der Stasi als Geheimpolizei mit 100.000 hauptamtlichen und 180.000 inoffiziellen Mitarbeitern (IM), die das Volk 40 Jahre lang unter Druck gehalten hat“ hätte mit einem „Arbeiter- und Bauernparadies“ herzlich wenig gemein.
In den jeweils anderthalbstündigen Vorträgen wurde den Schülern durch den Zeitzeugen Dellmuth deutlich gemacht, wie es „in dem Unrechtsstaat DDR“ zugegangen ist. Er fesselte die Schülerinnen und Schüler durch seinen ernsten, zeitweilig durch Sarkasmus humorvoll dargebotenen, kurzweiligen Bericht und lud die Schüler abschließend ein, ihm auf seiner Facebook-Seite Kommentare zu seinem Vortrag zu hinterlassen. Schon während der Pausen zwischen den einzelnen Vorträgen erhielt Dellmuth erste positive Rückmeldungen von einigen Realschülern. Geschichtsunterricht einmal anders, wo aufgrund der aktuellen Lehrpläne die „zweite deutsche Diktatur“ teilweise sehr kurz kommt.

Dellmuths eigene Stasi-Akte umfasst übrigens 1250 Seiten, erklärte er. Der letzte Eintrag stammt aus dem Jahre 1985. Da lebte der ehemalige Stasi-Häftling schon seit 13 Jahren in der Bundesrepublik Deutschland.

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